Stell dir vor es geht anders...

18.07.2023 | Geistliches Wort von Pastoralreferent Richard Link, erschienen im Mannheimer Morgen vom 15. Juli 2023

Alles verändert sich. Immer schneller. Nicht wenige fühlen sich überfordert und abgehängt von Entwicklungen in Gesellschaft, Kultur und Kirche.

Vertraute Vorgänge und Zusammenhänge, die Sicherheit gegeben haben, verschwinden. Neues entsteht und manches wird gesetzlich anderes geregelt oder verwaltungstechnisch neu geordnet. Da soll ich „plötzlich“ wegen des Klimawandels meine Lebensgewohnheiten ändern. Im Gesundheitswesen scheint der Weg zu einem Behandlungstermin oder einem Pflegeplatz immer länger und komplizierter zu werden. Bei vielen Institutionen muss ich mehr und mehr auf persönliche Beratung und Betreuung verzichten und mich umstellen auf digitale Bearbeitung und Verwaltung meiner Anliegen. Viele beklagen: „Da komm ich nicht mehr mit.“ Manche wollen auch nicht mehr mit und verschließen sich Veränderungsprozessen ganz.

Ich kenne Menschen, die „kriegen Blutdruck“, wenn sie das nur das Wort Veränderung hören. Erst recht, wenn es im Business-Deutsch als „Change-Prozess“ daher kommt. Ein Grund dafür dürfte sein, dass solche Veränderungen oft als von außen auferlegte Zwänge erfahren werden, bei denen es nur um ein funktionierendes System zu gehen scheint und nicht um mich als Mensch.

Dazu kommt, dass für Neues meist etwas Vertrautes weichen muss. All das verunsichert und weckt Ängste.
Wenigstens in der Kirche soll doch das Vertraute bleiben, sagen Menschen, die angesichts vieler gesellschaftlicher Umbrüche dort Sicherheit, Hoffnung und Ermutigung für ihr Leben suchen und finden.

Doch weit gefehlt: Auch in den christlichen Gemeinden sind große Veränderungsprozesse im Gange und kommen Dinge an ein Ende: Vertraute Abläufe und Bräuche, ein Gemeindehaus, möglicherweise sogar eine Kirche. Das macht viele traurig, andere machte es zornig oder bitter.

Ich möchte das vergleichen mit den Gefühlen beim Sterben und Tod eines lieben Menschen. Das Verabschieden, das Betrauern und das Begräbnis dieses Menschen sind schmerzhafte aber wichtige Schritte in unserem Trauerprozess. Sie sind notwendig und helfen uns, irgendwann wieder aus dem Haus zu gehen und unser Leben wieder aktiv zu gestalten.

Ich gestehe, dass die vielen gesellschaftlichen und kirchlichen Abschieds- und Veränderungsprozesse mich selbst emotional und mental anstrengen.

Aber ich sehe auch, dass viele Veränderungen notwendig sind – sowohl in der Gesellschaft als auch in der Kirche.

Sollten nicht gerade wir Christinnen und Christen mutig Neuland in den Blick nehmen? Ich meine, dass uns die Christinnen und Christen der ersten Jahrzehnte ein Vorbild sein können für mutige Aufbrüche, Veränderungen und neue Wege. Es war geradezu das Markenzeichen dieser Menschen. „Die vom (neuen)Weg“, so wurden sie damals genannt.

Vor kurzem habe ich ein Gedicht des Theologen und Schriftstellers Jörn Heller entdeckt, das mich ermutigt, Veränderungen anzugehen und mit zu vollziehen.

Stell dir vor, es ist Zukunft,
und keiner will hin.
Stell dir vor, die kommt heute
und du steckst mitten drin.

Stell dir vor, niemand handelt,
und alle schaun zu.
Stell dir vor, es geht anders,
und den Anfang machst du.

Jörn Heller
 
 
Richard Link
Pastoralreferent
Projektstelle Franklin und Spinelli
Seelsorgeeinheit Maria Magdalena, Mannheim