Rückblick und Ausblick zum Projekt(ende) „Kirchenentwicklung“

18.12.2025 | Ulf Günnewig spricht über Erfahrungen, Erkenntnisse und zukünftige Perspektiven

Ulf Günnewig, Projektkoordinator für die Kirchenentwicklung in Mannheim, Ilvesheim und Edingen-Neckarhausen, reflektiert über die Erfahrungen und Erkenntnisse aus einem der bedeutendsten Entwicklungsprozesse der Katholischen Kirche in der Region. Gemeinsam mit Dekan Karl Jung hat Günnewig seit 2013 den langwierigen Weg begleitet und aktiv mitgestaltet. Das Gespräch beleuchtet sowohl die erzielten Erfolge als auch die Herausforderungen und die Lehren, die aus dieser umfassenden Reformarbeit gezogen wurden. Dabei gewährt Günnewig Einblicke in die Bedeutung des gemeinschaftlichen Dialogs, in die Rolle von Gelassenheit während Veränderungsprozessen und in die nächsten Schritte, um die positiven Ergebnisse nachhaltig zu verankern.
 
Herr Günnewig: Wie bewerten Sie den Erfolg des Projekts „Kirchenentwicklung“? Welche Kriterien wurden herangezogen?
Mit den vorangehenden Entwicklungsprozessen hat die Kirchenentwicklung einen Zeitraum von fast zwölf Jahren umfasst. Wir haben in diesen Jahren sehr fundamental über die Zukunft der Katholischen Kirche in Mannheim, Ilvesheim und Edingen-Neckarhausen gesprochen. Das war eine sehr komplexe Aufgabe. Die Ergebnisse der Kirchenentwicklung haben wir vor allem im Zukunftsbild Stadtkirche sowie im Pastoralplan für die Pfarrei St. Sebastian gebündelt. Zusammenfassend ist die Kirchenentwicklung damit sehr erfolgreich abgeschlossen worden, weil sie deutlich macht, wie wir Kirche in Zukunft gestalten wollen.
 
Welche Herausforderungen traten während des Projekts auf und wie wurden diese gemeistert? Gab es unerwartete Ergebnisse oder Erkenntnisse, die im Verlauf des Projekts aufgetreten sind?
Die größte Herausforderung war immer wieder die Frage: Wer trifft eigentlich die Entscheidungen in der Kirchenentwicklung? Denn ohne Entscheidungen kann es auch keine Kirchenentwicklung geben. In einem eigenen Projekt und einem Zeitraum von mehr als einem Jahr haben wir deshalb die Entscheidungswege entwickelt. Das war herausfordernd, hat aber dazu geführt, dass es in der Kirchenentwicklung eine konsequente Beteiligung der sieben Seelsorgeeinheiten gab. Am Ende haben wir dadurch eine breite Zustimmung zum Pastoralplan erreicht.
 
Welche positiven Veränderungen wurden durch die Kirchenentwicklung im Gemeindeleben sichtbar?
Ich hoffe, dass durch die Kirchenentwicklung zumindest teilweise das Bewusstsein geschaffen wurde, dass Veränderungen in der Katholischen Kirche unausweichlich sind. Auch wenn damit der Abschied von Liebgewonnenem verbunden ist. Es gibt dazu einen Spruch, den ich zwar nicht mag, der aber trotzdem zutreffend ist und ungefähr so lautet: Wer nicht will, dass Kirche sich verändert, der will nicht, dass sie bleibt. Ansonsten werden sich die Veränderungen durch die Kirchenentwicklung erst jetzt bei der Umsetzung des Pastoralplans ergeben.
 
Gibt es Widerstände oder Skepsis gegenüber diesen Veränderungen und wie wurde damit umgegangen?
Wir alle wissen nicht, wie Kirche in Zukunft unter den gegebenen Rahmenbedingungen aussehen wird, was Bestand haben wird, was weiter verändert oder verabschiedet werden muss. Und natürlich hat da jede Person unterschiedliche Ideen, die wiederum zu Widerständen und Skepsis gegenüber anderen Ideen führen. Die Stärke der Kirchenentwicklung war es, dass wir in unterschiedlichen Formaten die unterschiedlichen Ideen angehört und diskutiert haben. So haben wir langsam den Pastoralplan erarbeitet, der am Ende eben eine breite Zustimmung erreicht hat. Doch auch dieser Plan ist nicht für die Ewigkeit. Er wird ständig überprüft und angepasst werden müssen. In diesem Sinne hört Kirchenentwicklung mit dem Projektende auch nicht wirklich auf.
 
Inwieweit hat das Projekt bereits dazu beigetragen, die Pfarrei St. Sebastian auf die neuen Strukturen vorzubereiten?
Dadurch, dass in der Kirchenentwicklung bereits viele Menschen aus der gesamten künftigen Pfarrei miteinander in Kontakt gekommen sind, ist eine gute Grundlage für die Arbeit in dieser neuen Pfarrei entstanden. Wir sind eine Katholische Kirche in dieser Pfarrei, und es ist besser, wenn wir gemeinsam an einem Strang ziehen, anstatt uns in Konkurrenz zueinander zu verstehen.
 
Inwieweit haben finanzielle Aspekte die Planung und Umsetzung des Projekts beeinflusst?
Finanzielle Aspekte haben bisher nur eine untergeordnete Rolle in der Kirchenentwicklung gespielt. Das Projekt war vor allem ein pastorales Entwicklungsprojekt, bei dem es um die Inhalte ging, die wir als Kirche in Zukunft besetzen möchten. Dass die Finanzen eine größere Rolle spielen werden, das kommt nun aber sehr schnell auf uns zu. Und das wird uns dazu herausfordern, noch genauer zu entscheiden, was wir von unserem kirchlichen Angebot erhalten oder entwickeln wollen bzw. was wir verabschieden müssen.
 
Welche Erkenntnisse haben Sie aus der Projektphase gezogen, die in Ihrer Tätigkeit als Seelsorger einfließen können?
In der Kirchenentwicklung habe ich vor allem Gelassenheit gelernt. Es gibt einfach viele Dinge, die man in einem Entwicklungsprozess nicht wirklich steuern kann. Man muss immer wieder auf neue Entwicklungen reagieren und damit den weiteren Weg gestalten. Dabei habe ich gesehen, dass sich viele Dinge immer wieder irgendwie gefügt haben. Theologisch gesprochen würde ich sagen, dass immer wieder der Heilige Geist am Werk war, ohne dass ich hätte sagen können, an welcher Stelle genau. Das hat mich dann eben Gelassenheit gelehrt. Und diese Gelassenheit kommt mir nun auch in meiner Tätigkeit als Seelsorger in der Offenen Tür zugute.
 
Wie sehen die nächsten Schritte aus, um die Ergebnisse des Projekts Kirchenentwicklung weiter zu festigen und auszubauen?
Die Ergebnisse des Projekts zu festigen und auszubauen, bedeutet jetzt erst mal, den beschlossenen Pastoralplan umzusetzen. Dafür sind nun vor allem die Pfarreileitung und der neu gewählte Pfarreirat verantwortlich. Aber auch die zahlreichen Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen vor Ort und in den verschiedenen Teams sind gefragt. Wir sind aufeinander angewiesen. Deshalb sollten wir den Weg in die Zukunft gemeinsam und weiterhin mit breiter Beteiligung gehen.
 
Wie sehen Sie die Zukunft der Kirche in Bezug auf die Entwicklung, die durch dieses Projekt angestoßen wurde?
Ich hoffe und glaube, dass wir mit dem Pastoralplan eine gute Grundlage für die Pfarrei St. Sebastian gelegt haben. Ich bin mir aber auch bewusst, dass nicht alles davon funktionieren wird und wir den Plan an die Realität anpassen müssen. Da bin ich gespannt, was das im Einzelnen sein wird. Unabhängig davon bin ich davon überzeugt, dass die Kirche Bestand haben wird – nicht nur, weil wir so gut geplant haben, sondern vor allem, weil sie die Kirche Jesu Christi ist.
 
Herr Günnewig, ich danke Ihnen für das Interview. (Daniel Siegel)